Auszug aus dem Buch: "Der Landkreis Stolp in
Pommern"
Zeugnisse seiner deutschen Vergangenheit - von Karl-Heinz Pagel
99. Lüllemin, Landkreis Stolp i. Pommern...............................Seite 711
Zwischen dem breiten Moortal bei Kulsow im Westen und dem
kleinen Urstromtal der Quacke im Osten liegt südlich von Stolp
die Gemeinde Lüllemin.
Die Rummelsburger Chaussee (Reichsstraße 125) führte östlich
des Dorfes vorbei nach Rummelsburg.
Einige Angaben über die Gemeinde Lüllemin aus der Zeit vor 1945
in Kurzform:
Zugehörige Ortsteile: (1) Parzellen
Gemeindefläche in ha 925
Wohnbevölkerung am 17. Mai 1939 313
Zahl der Haushaltungen 69
Zahl der Wohnhäuser 1925 - 51
Amtsbezirk Lüllemin
Standesamtsbezirk Lüllemin
Gendarmeriebezirk Quackenburg
Amtsgerichtsbezirk Stolp
Gemeindevorsteher 1931 Frömmig
Bürgermeister 1937 Bauer Hugo Neumann
Nächste Bahnstation Labuhn Entfernung 5,5 km
Bahnlinie Stolp-Budow (Stolpetalbahn)
Poststelle II Lüllemin
Letzte postalische Anschrift Lüllemin über Stolp (Pom.)

Der historischen Dorfform nach ist Lüllemin ein
Zeilendorf. Die Dörfer Lüllemin und Krussen wurden
nach dem zu Wolgast 1494 ausgefertigtem
Rechtsspruch des Herzogs Bogislaw der Stadt Stolp zuerkannt, weil
sie die Güter damals
schon über 30 Jahre besessen hatte. Lüllemin soll ursprünglich
ein Panen-Gut gewesen sein. Unter einem Pan versteht man einen
"gnädigen Herrn", der zum einheimischen kaschubischen
Adel gehörte. Im allgemeinen handelte es sich um einen sehr
armen Edelmann. Zu den kleinen Panen-Gütern kann Lüllemin der
Größe der Gemarkung wegen nicht gehört haben, zu der ja auch
die Höfe der späteren sieben Bauern zu rechnen sind.
Diese deutschen Pachtbauern werden dort angesiedelt worden sein,
als die Stadt den Besitz erwarb. Das Restgut blieb als Vorwerk
(Ackerwerk) bestehen und wurde ebenfalls einem deutschen Pächter
übertragen. Im Volksmund behielt es den Namen der
Pankenhof".
Die Protokolle der Stadt Stolp über die städtischen
Eigentumsdörfer aus dem Jahre 1717 enthalten die
Eintragung:
Bauern a 19/26 Lh.:
1. Jürgen Kautz,
2. Martin Meymann,
3. Jacob Hildebrandt,
4. Jochim Gliewe,
5. Martin Botcke,
6. Jacob Rückwarth,
7. Martin Woycke.
Cossäthen:
l. Jürgen Megmann,
2. Jochim Gleim.
Um 1784 hatte Lüllemin ein Vorwerk, eine
Wassermühle, sieben Bauern; zwei Kossäten, einen Büdner, eine
Schmiede, einen Schulmeister und insgesamt 21 Feuerstellen. Das
Kämmereigut Lüllemin wurde bereits 1798 in Erbpacht
gegeben. Zurückbehalten hatte die Stadt den Fichtkamp (eine
unfruchtbare Sandscholle) und das Brandmoor. Diese fast 38 Hektar
große Fläche wurde 1900 an die Lülleminer Bauern, die hier das
Hütungsrecht und die Torfnutzung hatten,
abgetreten. Nur ein Teil der Dorfstraße und einige Wege und
Grabenteile befanden sich schließlich "als letzte
Zeugen verschwundener Herrlichkeit" im Eigentum der Stadt.
Die seit 1850 geschaffenen Rentenbanken haben im Laufe des 19.
Jahrhunderts die völlige Ablösung der Reallasten und die
Auflösung des Verhältnisses zwischen der Stadt und den ehema-
ligen Kämmereigütern vermittelt. So wurde aus dem Eigentumsdorf
der Stadt ein Bauerndorf.
Im Jahre 1939 gab es in Lüllemin 26
landwirtschaftliche Betriebe in folgenden Größenklassen:
3 mit 0,5 bis unter 5 ha
2 mit 5 bis unter 10 ha
2 mit 10 bis unter 20 ha
18 mit 20 bis unter 100 ha
1 mit 100 ha und darüber
Dorfansicht
Im letzten Güteradreßbuch sind als Bauernhofbesitzer
verzeichnet:
Max Brauer 103,5 ha
August Neumann 36 ha
Wilhelm Kautz 27 ha
Hugo Neumann 43 ha
Reinhold Neitzel 48 ha
Erich Müller (Abbau) 25 ha
Der Bauer Brauer hatte einen Viehbestand von elf Pferden, 38
Stück Rindvieh und 160 Schweinen.
Der durchschnittliche Grundsteuerreinertrag auf ein Hektar lag
mit 7,69 RM über dem Kreisdurchschnitt (5,95 RM).
Kirche in Luellemin
Alle Dorfbewohner waren evangelisch. Lüllemin gehörte
zum Kirchspiel Quackenburg und damit zum Kirchenkreis
Stolp-Stadt.
Schule in Luellemin
Jede Schule in Lüllemin hat zufälligerweise
einem Jahrhundert standgehalten. Die erste wurde im Jahre 1739,
die zweite
1839 und die dritte am 5. November 1939 eingeweiht. In der im
Jahre 1932 einstufigen Volksschule unterrichtete ein Lehrer 53
Schulkinder. Auch die neue Schule war einklassig und hatte einen
Werkraum und Wirtschaftsgebäude. Aus der ersten Schule entstand
das Lülleminer Armenhaus. Lehrer war 1931 Licht und zuletzt
Walter Beier.
Einweihung der neuen
Schule in Lüllemin am 5. November 1939
Kriegsende 1945,
Okkupation von Pommern und Expulsion aus der Heimat
Russisches Militär und
Polen errichten Herrschaft des Schreckens und
der Gewalt
(Okkupation = Besetzung, Expulsion =
Vertreibung)
Lüllemin gehörte zu den Gemeinden im Süden des Landkreises,
die bereits am 6. März 1945 gegen 17 Uhr den Befehl zur
Räumung erhielten. Er wurde vom Ortsgruppenleiter
bekanntgegeben und kurz darauf widerrufen.
Der Treck brach dann am folgenden 7. März gegen 4 Uhr morgens,
kurz vor der Ankunft der Russen, unter Führung des
Bürgermeisters auf. Er zog über Sanskow, Lossin, Kublitz,
Stolp, Ritzow, Freist nach Zietzen. Doch praktisch löste er sich
als geschlossener Treck schon in Stolp auf. Die Flucht der
Dorfbewohner endete in den schon genannten Orten und in
Bandsechow. Sie alle kehrten an den folgenden Tagen in ihr
Heimatdorf zurück.
Die Russen besetzten Lüllemin am 7. März vormittags.
Es ist hier offenbar noch gekämpft worden. Jedenfalls fanden die
zurückkehrenden Bewohner verschiedene Gehöfte durch Feuer
vernichtet. Der Molkereiverwalter Walter Verwiebe wurde
von sowjetischen Soldaten erschossen. Im Sommer 1945
erschienen Polen im Dorf.
Nach und nach wurden alle Häuser von ihnen gewaltsam besetzt.
Die Vertreibung begann. Eine solche Vertreibungsaktion
fand u. a. am 25. November 1946 statt. Die
Heimatortskartei Pommern hat später 160 Dorfbewohner in der
Bundesrepublik Deutschland und 56 in der DDR ermittelt. Aus dem
deutschen Bauerndorf Lüllemin wurde das polnische Lulemino.
Kriegs- und Vertreibungsverluste: 13 Gefallene,
26 Ziviltote und 51 Vermißte ("ungeklärte Fälle").
Literatur
Aus der Dorfchronik von Lüllemin. Ein halbes Jahrhundert
Soldaten, Siedler, Schulzen und Schöffen.
In: Ostpommersche Heimat 1937, Nr. 29 Aus der Dorfchronik von
Lüllemin. Vom Panen-Gut zum Stadteigentum.
In: Ostpommersche Heimat 1938, Nr. 8 Laudan, Geschichte des
Grundbesitzes der Stadt Stolp, S. 30 Ost-Dok. 1. Nr. 173, pag.
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